Glossar · Regulierung & Zukunftssicherheit

Massenbilanz: So funktioniert der Nachweis von Rezyklat und Bio-Rohstoffen

Auch: Mass Balance, Massenbilanzansatz, Massenbilanzierung

Weißes Kunststoffgranulat auf einer hellen Fläche
Foto: Unsplash

Das Prinzip in einem Bild

Viele Großanlagen der Chemie- und Kunststoffindustrie können Rohstoffe nicht getrennt verarbeiten. Ein Steamcracker oder eine Polymerisationsanlage läuft kontinuierlich, die Herkunft eines Moleküls lässt sich danach nicht mehr bestimmen. Die Massenbilanz löst dieses Problem rechnerisch, nicht physisch.

Das Prinzip der Massenbilanz bei ISCC PLUS Ein Rohstoffhersteller setzt zum Beispiel 30 Tonnen zertifizierten Kreislauf-Rohstoff und 70 Tonnen fossilen Rohstoff ein. Beide werden physisch gemischt. In der Buchhaltung werden die 30 Tonnen zertifizierte Menge auf bestimmte Produkte übertragen, abzüglich Prozessverlusten. Diese Produkte dürfen als ISCC-PLUS-zertifiziert nach Massenbilanz weitergegeben werden. Jede Stufe der Lieferkette, die das Material weitergibt, braucht ein eigenes gültiges Zertifikat. Mehr zertifizierte Menge, als eingekauft wurde, darf nie verkauft werden. 30 t zertifiziertKreislauf-/Bio-Rohstoff 70 t fossilherkömmlicher Rohstoff Anlagephysisch gemischt zertifiziert (MB)≤ 30 t minus Verluste ohne ClaimRest der Produktion BUCHHALTUNG STATT TRENNUNG Jede Stufe, die zertifiziertes Material weitergibt, braucht ein eigenes Standortzertifikat. Verkauft werden darf nie mehr zertifizierte Menge, als eingekauft und gebucht wurde.
Zertifizierte und herkömmliche Rohstoffe werden gemeinsam verarbeitet. Die zertifizierte Menge wird in der Buchhaltung bestimmten Produkten zugeordnet.

Drei Nachweisverfahren im Vergleich

Verfahren Physisch Was gesagt werden darf
Physische Trennung Zertifiziertes Material bleibt getrennt Produkt besteht aus zertifiziertem Material
Kontrolliertes Mischen Gemischt, Anteil bekannt Produkt enthält X % zertifiziertes Material
Massenbilanz Gemischt, rechnerisch zugeordnet Produkt ist nach Massenbilanz zertifiziert

Fazit der Tabelle: Die Massenbilanz ist das flexibelste Verfahren und für Großanlagen oft das einzig praktikable. Sie verlangt aber besonders sorgfältige Formulierungen in der Werbung.

Worauf es in der Praxis ankommt

  • Jede Stufe braucht ein Zertifikat. Der Nachweis wandert nur von zertifiziertem Standort zu zertifiziertem Standort.
  • Bilanzzeitraum und Verluste. Die Bücher werden über einen festgelegten Zeitraum geführt, Umrechnungsfaktoren und Prozessverluste sind abzuziehen.
  • Kein Überverkauf. Es darf nie mehr zertifizierte Menge verkauft werden, als eingegangen ist.
  • Werbeaussagen prüfen. Seit September 2026 gelten in der EU strengere Regeln gegen unbelegte Umweltaussagen. Formulierungen zur Massenbilanz sollten mit Zertifizierungsstelle und Kunde abgestimmt sein.

Wie die Massenbilanz bei ISCC PLUS konkret im Betrieb eines Kunststoffverarbeiters läuft, zeigt unser Beitrag zur ISCC-PLUS-Zertifizierung.

Häufige Fragen

Was ist eine Massenbilanz einfach erklärt?

Eine Massenbilanz ist Buchhaltung für Rohstoffe. Ein Werk mischt zum Beispiel 30 Tonnen Rohstoff aus Altkunststoff mit 70 Tonnen Erdöl-Rohstoff. Es darf danach bis zu 30 Tonnen seiner Produkte, abzüglich Verlusten, als zertifiziert verkaufen. Ein Auditor prüft, dass Ein- und Ausgänge übereinstimmen.

Steckt bei der Massenbilanz wirklich Rezyklat im Produkt?

Nicht zwingend in jedem einzelnen Produkt. Die zertifizierte Menge ist im Gesamtsystem nachweislich eingesetzt worden, wird aber rechnerisch zugeordnet. Wer eine Aussage über das konkrete Produkt machen will, braucht physische Trennung oder kontrolliertes Mischen.

Welche Zertifizierungssysteme nutzen die Massenbilanz?

Bekannt sind vor allem ISCC PLUS und REDcert² für Kunststoffe und Chemie. Auch in anderen Lieferketten, etwa bei Kakao, Palmöl oder Holz, gibt es Massenbilanz-Modelle mit jeweils eigenen Regeln.

Zählt massenbilanziertes Rezyklat für die PPWR-Quote?

Das ist noch offen. Die EU-Kommission legt die Methodik zur Berechnung und Überprüfung des Rezyklatanteils nach Artikel 7 der Verpackungsverordnung per Durchführungsrechtsakt fest. Stand Oktober 2026 ist dieser noch nicht verabschiedet.

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