Lastenheft und Pflichtenheft im Vergleich
| Lastenheft | Pflichtenheft | |
|---|---|---|
| Erstellt von | Auftraggeber | Auftragnehmer |
| Leitfrage | Was soll erreicht werden und wofür? | Wie und womit wird es umgesetzt? |
| Inhalt | Anforderungen, Ziele, Randbedingungen | Technische Lösung, Umsetzungskonzept |
| Zeitpunkt | Vor der Anfrage bzw. Ausschreibung | Nach der Auftragsklärung, vor der Umsetzung |
| Zweck | Vergleichbare Angebote einholen | Verbindliche Grundlage für Umsetzung und Abnahme |
| Englisch (üblich) | Requirements Specification | Functional Specification |
Fazit der Tabelle: Das Lastenheft formuliert die Anforderungen, das Pflichtenheft verspricht, wie sie erfüllt werden.
Ein Merksatz hilft: Die „Lasten“ trägt der Kunde, er formuliert, was er braucht. Die „Pflichten“ übernimmt der Lieferant, er sagt zu, was er leistet. Beide Begriffe sind in der DIN 69901-5 (Projektmanagement, Begriffe) beschrieben. Für technische Projekte geben VDI-Richtlinien Orientierung: VDI 2519 Blatt 1 zum Vorgehen bei Lasten- und Pflichtenheften, VDI/VDE 3694 für Automatisierungssysteme.
Wofür ein Lastenheft gebraucht wird
- Vergleichbare Angebote: Erhalten alle Anbieter dieselben Anforderungen, lassen sich Preise und Lösungen sachlich vergleichen. Das Lastenheft ist damit die Grundlage für eine Anfrage, siehe Request for Quotation.
- Interne Klarheit: Produktion, Instandhaltung, Qualität, IT und Geschäftsführung müssen sich vorab einigen, was wirklich gebraucht wird. Allein dieser Abstimmungsprozess deckt oft Widersprüche auf.
- Grundlage für die Abnahme: Was im Lastenheft als prüfbares Kriterium steht, kann später bei der Abnahme gemessen werden.
- Weniger Nachträge: Unklare Anforderungen sind eine der häufigsten Ursachen für Änderungswünsche, Mehrkosten und Terminverzug.
Was in ein Lastenheft gehört: Gliederung für Industrieprojekte
- Ausgangssituation und Ziel: Warum wird das Projekt gestartet, welches Problem soll gelöst werden?
- Ist-Zustand: vorhandene Prozesse, Maschinen, Software, Mengengerüst (Stückzahlen, Varianten, Benutzer)
- Soll-Zustand und funktionale Anforderungen: was das System können muss, möglichst als einzelne, nummerierte Anforderungen
- Nicht-funktionale Anforderungen: Taktzeit, Verfügbarkeit, Genauigkeit, Bedienbarkeit, IT-Sicherheit, Datenschutz
- Normen und Vorschriften: zum Beispiel Maschinenrichtlinie bzw. Maschinenverordnung, CE-Kennzeichnung, branchenspezifische Vorgaben
- Schnittstellen: zu bestehenden Anlagen, Steuerungen, ERP, MES oder anderen Systemen
- Rahmenbedingungen: Platz, Medien (Strom, Druckluft), Umgebung, Termine, Budgetrahmen
- Lieferumfang und Leistungen: Dokumentation, Schulung, Inbetriebnahme, Service, Ersatzteile
- Abnahmekriterien: woran gemessen wird, ob das Ergebnis den Anforderungen entspricht
- Anhang: Zeichnungen, Musterteile, Datenbeispiele, Layouts
Beispiel: Auszug aus einem Lastenheft im Maschinenbau
Ein mittelständischer Zulieferer will eine manuelle Montagestation durch eine teilautomatisierte Zelle ersetzen. Ein Auszug aus den Anforderungen könnte so aussehen:
| Nr. | Anforderung | Priorität | Prüfbar durch |
|---|---|---|---|
| A-01 | Montage von Baugruppe X in 3 Varianten, Variantenwechsel ohne Werkzeug | Muss | Vorführung bei Abnahme |
| A-02 | Taktzeit ≤ 45 s je Baugruppe bei Variante 1 | Muss | Dauerlauf über 2 Stunden |
| A-03 | Prüfung des Anzugsmoments jeder Schraube mit Dokumentation je Seriennummer | Muss | Datenexport, Stichprobe |
| A-04 | Rückmeldung von Stückzahlen und Störungen an das vorhandene MES | Soll | Schnittstellentest |
| A-05 | Bedienung durch angelernte Kräfte nach max. 1 Tag Einweisung | Soll | Schulung mit 2 Mitarbeitenden |
| A-06 | Erweiterbarkeit um eine vierte Variante | Kann | Konzeptbeschreibung im Angebot |
Fazit der Tabelle: Gute Anforderungen sind nummeriert, priorisiert und so formuliert, dass sich bei der Abnahme eindeutig prüfen lässt, ob sie erfüllt sind.
Wichtig ist, was in diesem Auszug fehlt: Es steht nirgends, welcher Roboter oder welches Schraubsystem verwendet werden soll. Diese Entscheidung gehört in das Pflichtenheft des Anbieters.
Lastenheft erstellen in fünf Schritten
- Beteiligte festlegen: eine verantwortliche Person benennen und alle betroffenen Bereiche einbinden, also Produktion, Instandhaltung, Qualität, IT, Einkauf und Arbeitssicherheit.
- Ist-Zustand und Ziele aufnehmen: Kennzahlen erheben, etwa Stückzahlen, Taktzeiten, Ausschuss oder die OEE der bisherigen Anlage. Danach festlegen, woran Erfolg gemessen wird.
- Anforderungen sammeln und priorisieren: jede Anforderung einzeln aufschreiben und als Muss, Soll oder Kann einstufen.
- Prüfen und bereinigen: Widersprüche, Lösungsvorgaben und unprüfbare Formulierungen wie „schnell“ oder „benutzerfreundlich“ entfernen oder messbar machen.
- Freigeben und versionieren: Die Geschäftsführung bzw. Projektleitung gibt das Lastenheft frei. Änderungen werden ab dann mit Datum und Version dokumentiert.
Bei neuen Technologien, etwa einer KI-gestützten Bildverarbeitung, kann vor dem endgültigen Lastenheft ein Proof of Concept sinnvoll sein. Er zeigt, welche Anforderungen überhaupt realistisch sind.
Typische Fehler im Lastenheft
- Lösungen statt Anforderungen: „Roboter Typ Y verwenden“ schränkt Anbieter unnötig ein. Besser ist es, das Ziel zu beschreiben, etwa Taktzeit, Traglast und Genauigkeit.
- Unprüfbare Formulierungen: „hohe Verfügbarkeit“ lässt sich nicht abnehmen, „technische Verfügbarkeit ≥ 95 % im Dreischichtbetrieb“ schon.
- Fehlendes Mengengerüst: Ohne Stückzahlen, Varianten und Benutzerzahlen kann kein Anbieter seriös kalkulieren.
- Schnittstellen vergessen: Die Anbindung an ERP, MES oder vorhandene Steuerungen ist oft der aufwendigste Teil und gehört ausdrücklich ins Lastenheft.
- Kein Änderungsprozess: Werden Anforderungen nach der Freigabe nebenbei geändert, verliert das Dokument seinen Wert als Vergleichs- und Abnahmegrundlage.
Lastenheft für Software, ERP und CRM
Auch bei Software-Einführungen ist das Lastenheft üblich, etwa für ERP-, CRM- oder MES-Systeme. Zusätzlich zur obigen Gliederung sollten dann beschrieben werden:
- die Geschäftsprozesse, die das System abbilden soll, am besten als konkrete Abläufe aus dem eigenen Alltag
- die Datenübernahme aus Altsystemen
- Rollen und Berechtigungen
- Anforderungen an Hosting, Datenschutz und IT-Sicherheit
Statt langer Funktionslisten bewähren sich bei Software Testszenarien. Jeder Anbieter muss dann in einer Präsentation zeigen, wie sein System einen typischen eigenen Ablauf löst.
Häufige Fragen
Was ist ein Lastenheft einfach erklärt?
Im Lastenheft schreibt der Auftraggeber auf, was er braucht und warum – zum Beispiel welche Teile eine neue Anlage in welchem Takt fertigen soll. Wie die Lösung technisch aussieht, beschreibt später der Anbieter im Pflichtenheft.
Wer erstellt das Lastenheft?
Der Auftraggeber, also das Unternehmen, das eine Anlage, Maschine oder Software beschaffen will. In der Praxis arbeiten Fachabteilung, Produktion, Instandhaltung, IT und Einkauf zusammen; bei größeren Projekten wird oft ein externer Planer hinzugezogen.
Was ist der Unterschied zwischen Lastenheft und Pflichtenheft?
Das Lastenheft beschreibt die Anforderungen aus Sicht des Auftraggebers („Was und wofür?“). Das Pflichtenheft beschreibt aus Sicht des Auftragnehmers, wie und womit diese Anforderungen umgesetzt werden („Wie und womit?“). Das Lastenheft entsteht vor der Anfrage, das Pflichtenheft nach der Auftragsklärung.
Wie lang sollte ein Lastenheft sein?
Es gibt keine feste Länge. Für eine Software-Einführung im Mittelstand genügen oft 10 bis 30 Seiten, für eine komplexe Fertigungsanlage können es deutlich mehr sein. Entscheidend ist, dass jede Anforderung eindeutig, prüfbar und mit einer Priorität versehen ist.
Ist ein Lastenheft rechtlich verbindlich?
Das Lastenheft selbst ist zunächst eine Beschreibung der Wünsche des Auftraggebers. Verbindlich wird, was im Vertrag vereinbart wird – häufig das vom Auftraggeber freigegebene Pflichtenheft, manchmal auch das Lastenheft als Anlage. Wie die Dokumente im Einzelfall rechtlich wirken, sollte bei größeren Projekten juristisch geprüft werden.
Wie heißt Lastenheft auf Englisch?
Üblich sind „Requirements Specification“, „Customer Requirements Specification“ oder im Anlagenbau „Tender Specification“. Für das Pflichtenheft wird meist „Functional Specification“ oder „Performance Specification“ verwendet; die Begriffe sind international nicht einheitlich.
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Verwandte Begriffe
Quellen
- DIN 69901-5:2009-01 Projektmanagement – Projektmanagementsysteme – Teil 5: Begriffe (Beuth/DIN Media, Normenübersicht bei Austrian Standards)
- VDI 2519 Blatt 1:2001-12 Vorgehensweise bei der Erstellung von Lasten-/Pflichtenheften (VDI)
- VDI/VDE 3694:2014-04 Lastenheft/Pflichtenheft für den Einsatz von Automatisierungssystemen (Normenübersicht)
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